Die neue Pfarrkirche von Namen Jesu

Das Äußere der neuen Kirche

Der von dem Architekten Hans Schedl geplante Bau ist ein Rechteck, das im Westen bis an die Stürzerstraße heranreicht und im Osten hinter dem Turm angesetzt ist. Durch diese Verschiebung des Baukörpers nach Westen wurde eine größere Breitenentwicklung als beim alten Kirchengebäude möglich und dadurch eine für die neuen Liturgiebestimmungen günstige Grundfläche erreicht. Das Hauptportal der neuen Kirche befindet sich wieder an der Ostseite und ist sowohl durch eine Erhöhung um vier Stufen als auch durch einen offenen Vorbau akzentuiert, der mit einem Flachdach versehen und nach Osten hin mit dem Turm bündig ist. An der Nordseite des überdachten Portalvorplatzes lädt eine stilvolle Schaukastenfront die Kirchenbesucher ein, sich über das Geschehen in der Gemeinde zu informieren, im Süden erinnern - zwischen Turm und Kirchenschiff in einer Nische - Epitaph-Platten mit einem Bronze-Engel an die Gefallenen des 2. Weltkrieges. Das Giebeldach des Neubaus zeigt wie das alte in Ost-West-Richtung, ist aber nicht mehr so steil. Eine rundumlaufende, breite Eternit-Schiefer-Einfassung, die an der Nord- und Südseite die Dachrinnen verdeckt, zieht das Giebeldach nach unten und verbindet es besonders eng mit den Seitenwänden. Charakteristisch für die Nord- und Südseite sind die unmittelbar unter der Dacheinfassung liegenden, farbig getönten Fensterbänder, die sich jeweils über die gesamte Längsseite erstrecken und nicht durch Abmauerungen unterbrochen sind. Die Nordseite weist das zweite Portal der Kirche und im westlichen Teil ein Fensterraster auf, durch das die Werktagskapelle Licht erhält. Das Nordportal liegt etwa 70 cm über Straßenniveau. Dieser Höhenunterschied wurde dazu genutzt, vor der Werktagskapelle einen um dieses Maß erhöhten, abgemauerten und bepflanzten Vorhof anzulegen, der der Nordfront zusammen mit drei Nadelbäumen und anderen Ziergewächsen eine besonders freundliche Note verleiht. Eigens erwähnt werden muß die behindertengerechte Gestaltung des Portalzugangs. Die Westfront ist ungegliedert; lediglich vier Fenster mit Sprossenvormauerung lockern die Fassade etwas auf, geben aber auch Zeugnis von der Sachlichkeit, die beim heutigen Kirchenbau eine große Rolle spielt. Die zum Innenhof des Pfarrzentrums liegende Südseite enthält außer dem Fensterband im westlichen Teil noch einige Fenster - Lichtquellen für die Sakristei und Bedienstetenwohnungen -, ist aber sonst schmucklos.

Das Innere der neuen Kirche

Wer die von außen doch recht nüchtern wirkende Kirche durch eines der Portale betritt, ist angenehm überrascht: Der 22 Meter breite und 33 Meter lange, sachlich bezogene Raum ist so geschmackvoll gestaltet, daß man sich sofort heimisch fühlt. Am meisten wird der Blick zunächst von der in die Mitte der südlichen Längsseite gelegten, um eine, im hinteren Bereich um zwei Stufen erhöhte Altarinsel gefangen genommen, die durch eine Lichttrommel über dem Altar zusätzliches Licht empfangt. Die in farbig gebeizter Eiche gefertigten Betstühle für die Gemeinde - wie alle Schreinerarbeiten der Kirche von Schreinermeister loser Pfab, Langenbruck - sind in V-Form um die Altarinsel angeordnet Die Kirchenbesucher haben so an allen Plätzen das Gefühl, unmittelbar in das Gottesdienstgeschehen einbezogen zu sein. Sehr viel Wärme erhält der Kirchenraum durch eine unter den Leimbindern abgehängte, gebeizte Holzdecke, die zudem durch ihre Satteldachform den Besucher daran erinnert, daß er im Zelt Gottes weilt Dadurch, daß sich die farbig getönten Fensterbänder an der Nord- und Südseite zwischen Decke und Mauerwerk über die gesamte Länge erstrecken, wird der Raum auch bei schlechter Witterung ausreichend beleuchtet Die farbige Tönung der Scheiben bricht das Licht und trägt zur Gestimmtheit des Gotteshauses bei, das insgesamt durch den Bodenbelag aus Solnhofener Marmor und die aus weiß geschlemmtem Kalksandstein bestehenden Wände freundlich wirkt Ein Ringanker aus Beton, unmittelbar unter den Fensterbändern umlaufend, setzt einen deutlichen Akzent und läßt die Decke leichter und die Fenster größer erscheinen als sie in Wirklichkeit sind. Einzig störend die sichtbaren Zugverankerungen, die zur Stabilität des Daches angebracht werden mußten, wohl den Gedanken von der Kirche als Zelt Gottes unterstützen, aber doch nicht so recht in Einklang stehen mit der schlichten Eleganz des Raumes. Zu den eindrucksvollsten Gegenständen der Innenausstattung gehören die Stickarbeiten der Schwester Regina Holzhauser von den Dominikanerinnen bei St. Ursula in Augsburg, deren Schaffen in Fachkreisen und bei Laien hohes Ansehen genießt, weil es ihr gelingt, die sonst in der zeitgenössischen Sakralkunst übliche abstrakte Gestaltung und verwirrende Symbolik nicht nur zu vermeiden, sondern Symbole und Kompositionen zu gestalten, die dem Betrachter den Schlüssel zum tieferen Verständnis des Dargestellten liefern. Die Arbeiten der Schwester Regina zeigen in großartiger Weise, daß auch zeitgemäße Sakralkunst zeitlos sein und auch moderne Kunst den Menschen erreichen kann; denn auch der Gläubige unserer Zeit will nicht über ein Kunstwerk rätseln müssen, sondern in seinem Gefühlsbereich angesprochen, erfreut, erschüttert werden, der eine oder andere darüber hinaus in seinem religiösen Tun angeregt und unterstützt werden.

(Bildquelle: C.Tafelmeier u. A. Kargl)

Als Abschluß der Altarinsel an der Südwand hängt ein 2,80 Meter hoher, insgesamt 6,05 Meter breiter, dreiteiliger Wandteppich, auf dem im linken Seitenteil das Abendmahl, im Mittelteil das himmlische Jerusalem und im rechten Seitenteil die Himmelfahrt Christi dargestellt ist. Erst dieser Wandbehang macht die Altarinsel zum wirklichen Mittelpunkt der Kirche, verleiht ihr den nötigen Akzent, den mystischen Hintergrund. Das 4,05 Meter breite Mittelteil ist vorwiegend in Rot- und Goldtönen gehalten und zeigt im optischen Zentrum das in eine goldene Scheibe auf rotem Hintergrund gestickte weiße Gotteslamm vor einer in dunklen Rottönen gehaltenen Fläche, die oben das Jesusmonogramm aufweist und auf der linken Seite einige quadratische bzw. rechteckige, vorwiegend blau und silbern getönte Einstickungen enthält Sie wird von bogenartigen Einstickungen - in jede Himmelsrichtung drei - mit viel Goldtönen und verschieden rotgetönten Flächen umgeben, die durch graue bis zartbraune Linien unterschiedlichen Verlaufs gegliedert werden. Im Mittelpunkt des Wandteppichs also Christus als Gotteslamm, dessen roter (= Blut-) Hintergrund seinen Opfertod verdeutlicht, dessen weiße Farbe seinen Sieg über den Tod symbolisiert, in einer goldenen Scheibe, die seine Verherrlichung veranschaulicht; gleichzeitig aber durch das Herausheben aus dem Wandteppich als Thron Gottes in der himmlischen Stadt Jerusalem angesehen werden kann.

(Bildquelle: C.Tafelmeier u. A. Kargl)

"Der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt stehen, und seine Knechte werden ihm dienen" (Offb 22,3). Dahinter die himmlische Stadt Jerusalem, von der es in der Geheimen Offenbarung heißt, daß sie wie ein kostbarer Edelstein glänzt und mit edlen Steinen aller Art geschmückt ist; daher die Einstickungen in Blau und Silber. Das J esusmonogramm leistet zusätzliche Verstehenshilfe: Ob der Betrachter die volkstümliche Aufschlüsselung "Jesus - Heiland - Seligmacher" oder die eigentliche Bedeutung Jesus = "Jahwe ist Retter" kennt, ist nicht von Belang; beides weist auf Christus als den hin, der die Welt erlöst hat und den Menschen das himmlische Jerusalem erst zugänglich macht . Die Stadt hat 12 Tore. "Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der 12 Stämme der Söhne Israels. Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore" (Offb 21, 12.13). "Die zwölf Tore sind zwölf Perlen; jedes der Tore besteht aus einer einzigen Perle" (Offb 21, 21). "Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen - Nacht wird es dort nicht mehr geben. . . . Und man wird die Pracht und die Kostbarkeiten der Völker in die Stadt bringen(Offb 21, 25.26)", in die himmlische Stadt Jerusalem, die durch die Rot- und Goldtöne in zweifacher Weise symbolisiert wird: als der Ort, an dem Christus in unvorstellbarer Weise verherrlicht ist (Gold), aber auch als der irdische, historische Ort, an dem Christus sich für die schuldbeladene Welt durch seinen Kreuzestod, durch die Hingabe seines Blutes, seines Lebens, geopfert hat.

Auf dem linken, einen Meter breiten Seitenteil wird mit ornamentalen Figuren die Bedeutung des Abendmahls sichtbar gemacht, auf dem rechten, ebenfalls einen Meter breiten Seitenteil die Himmelfahrt. Die Apostel schauen zu Christus auf, der sie segnet und zum Vater heimkehrt, sie aber doch nicht verläßt: "Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28, 20). Die Nordwand wird durch den Kreuzweg der Schwester Regina zu einem wirkungsvollen Gegengewicht der Altarinsel. Der Kreuzweg soll die Gläubigen an das Leiden, den Tod und die Auferstehung Christi erinnern und sie zum Nachdenken anregen. In Stickereien, die 1,20Meter hoch und bis zu 1,80 Meter breit sind, wird dem Christen von heute die" via dolorosa" nahe gebracht. Dabei hat sich die Künstlerin allein vom Evangelium inspirieren lassen, denn sie hält sich nicht an die vierzehn Stationen der traditionellen Kreuzwegandacht, sondern wählt folgende zehn Motive aus: die Ölbergszene, den Verrat des Judas, die Verleugnung Christi durch Petrus, die Geißelung und Dornenkrönung des Herrn, die Verurteilung Jesu zum Tode durch Pilatus, die Kreuztragung mit dem helfenden Simon von Zyrene, Christus tröstet die weinenden Frauen, die Kreuzigung, die Grablegung und als krönenden Abschluß die glanzvolle Auferstehung.

(Bildquelle: C.Tafelmeier u. A. Kargl)

Wer weit genug entfernt - etwa in der Mitte der Kirche - steht und den Kreuzweg als Gesamtes auf sich wirken läßt, dem fallen zwei Dinge besonders auf: Einmal, daß sich tatsächlich ein Weg, der Kreuzweg, durch die einzelnen Stickereien zieht, und zwar so, daß jede Stickerei mit der anderen dadurch kompositorisch verbunden ist, zum ande ren, daß bei der Darstellung des Leidens die dunklen Farben vorherrschen (besonders bei der Kreuzigung), die Farben der Auferstehung, aber auch alle tröstenden Elemente hell bzw. in Goldtönen gehalten sind. Die Kreuzigungsszene befindet sich gegenüber dem Altar, damit sie der Priester, wenn er die Hl. Messe feiert, besonders im Blickfeld hat; zusammen mit der Gemeinde feiert er ja bei jeder Messe den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu Christi.

(Bildquelle: C. Tafelmeier u. A. Kargl)

Wenden wir uns nun den anderen Gegenständen der Innenausstattung zu. Auch sie verraten Stil. So beherrscht die Ostwand ein mächtiger Christus am Kreuz. Er ist etwa 200 Jahre alt, stammt aus Tirol und trägt typische Züge dortiger volkstümlicher Schnitzkunst In der Nordostecke die Krippenvitrine, in der jedes Jahr Osterrieder-Krippen-Figuren, die der Pfarrei gehören, und als ständige Leihgabe Anderl-Krippen-Figuren mit so großer Hingabe aufgestellt werden, daß nicht nur die Kinder ihre Nasen an dem großen Vitrinenfenster platt drücken, sondern auch Erwachsene jeden Alters in andächtiger Bewunderung verweilen. An der Ostwand ferner eine Priestergedenkplatte von Rainer Grabner, Freising. Sie soll an die ehemaligen Pfarrer erinnern, zugleich aber dadurch, daß auch der Name des jetzigen Pfarrers unter Angabe des Jahres seiner Übernahme der Pfarrei mit einem "Bis-Zeichen" bereits eingraviert ist, darauf hinweisen, daß alles irdische Wirken zeitlich begrenzt ist und sich im Heute nicht nur ein Morgen ankündigt, sondern sich in jedem Anfang bereits ein Ende abzeichnet.

An der Südwand links und rechts der Altarinsel die geschmiedeten Apostelleuchter aus der Kunst- und Bauschlosserei Josef Forster und Sohn, Freising, gefaßt von Gerard Baum, ebenfalls Freising. Im westlichen Teil der Südwand auch die Grundsteinlegungsgedenkplatte mit den Jahreszahlen der Erbauung. 

Die Altarinsel selbst ist neben dem bereits beschriebenen dreiteiligen Wandteppich mit eindrucksvollen Sakralgegenständen ausgestattet: In der Mitte unterhalb der Lichttrommel ein Steinblock-Altar aus Nagelfluh, an beiden Längsseiten mit Bronzearbeiten (Jesusmonogramm im Süden, Heiligste Dreifaltigkeit im Norden) verziert, umstellt von vier Bronzeleuchtern, wie alle Bronzearbeiten der Kirche aus der Werkstätte des Bildhauers Michael Veit, München. Des weiteren enthält sie einen Bronze-Ambo und einen Bronze-Stehtabernakel mit ewigem Licht. Da der Werkstoff Bronze wegen seiner Kupfer- und Zinnbestandteile einen warmen, goldbraunen Ton aufweist, tragen alle diese Gegenstände zur Behaglichkeit des Kirchenraumes bei. Die Plazierung des Ambo und des Tabernakels ist geschickt vorgenommen: Beide sind hinter dem Altar angeordnet, damit die Sicht der Gläubigen auf das Geschehen bei der heiligen Handlung in keiner Weise beeinträchtigt wird, der Ambo auf der - vom feiernden Priester aus gesehen - rechten Seite, unmittelbar vor der um eine Stufe erhöhten Fläche, auf der die Sedilien stehen, der Tabernakel auf der linken Seite auf der erhöhten Fläche. Beide Gegenstände stellen in sich ausgewogene optische Akzente der Altarinsel dar und wirken durch ihre konisch zulaufende Form elegant, durch ihre geschmackvollen Verzierungen aber auch feierlich. Über dem Ambo eine Hl.-Geist-Taube. Sie ist einschließlich Gloriole aus Holz geschnitzt, stammt aus dem Raum Laufen-Salzburg und dürfte etwa um 1700 angefertigt worden sein. Bemerkenswert ist, daß sie sowohl in ihrer Farbe als auch in ihrem Gold und Silber noch im Original gefaßt ist. Ihre Form ist sehr brillant, festlich und doch volkstümlich und verträgt sich erstaunlich gut mit der der modernen Kunstwerke in der unmittelbaren Nachbarschaft. Sehr beliebt bei den Kirchenbesuchern die Tilman Riemenschneider nachempfundene Madonna aus der Zeit um 1900, die sich an der Südwand befindet, unmittelbar im Osten an die Altarinsel anschließend. Wer die Werke Tilman Riemenschneiders, dieses großen Meisters der deutschen Spätgotik kennt - erinnert sei nur an den Heiligblutaltar in der Rothenburger Jakobskirche (1501-1505) oder den Schreinaltar mit der Himmelfahrt Mariens in Creglingen (1505-1510) -, der wird bestätigen, daß es sich um eine recht gelungene Nachschöpfung handelt. Wiederum im Osten neben der Madonna drei geschmiedete Kerzentische, an dem viele Gläubige Opferlichter aufstellen, nicht nur, weil sie auf die Hilfe der Gottesmutter bauen, sondern auch, weil sie diese Madonna in ihr Herz geschlossen haben. An der Nordwestecke der Altarinsel noch eine Kostbarkeit: ein Vortragskreuz mit einem barocken Christus aus der Zeit um 1780 aus der Gegend Wasserburg - Tittmoning - Freising.

 

Maximilian Mühlbauer
(Auszug aus der Festschrift
 zur 50-Jahr-Feier)